Die Sommerlinde Tilia platyphyllos (Scopoli, 1772) ...... ist Baum des Jahres 1991Charakteristika, ErkennungsmerkmaleSommerlinde, lateinisch:
Tilia platyphyllos Scopoli / Winterlinde lateinisch:
Tilia cordata Miller
Beide
Linden gehören zur Gattung
Tilia aus der Familie der
Tiliaceae (Lindengewächse) mit über 40 Arten in den nördlichen gemäßigten Breiten.
Auf frischen, tiefgründigen, gut mit Luft versorgten und kalkreichen Böden erreichen
Linden eine Höhe von 40 m. Ihr kurzer, gerader und dicker Schaft trägt eine von starken und knorrigen Ästen getragene, tief herabhängende, breit gerundete und dicht geschlossene Krone.
Nach dem 60. Altersjahr, bis zu welchem der Baum nicht sehr schnell gewachsen ist, reckt er sich rasch in die Höhe, um dann ungefähr nach 150 Jahren sein Höhenwachstum einzustellen. Das Breitenwachstum wird hingegen weitergeführt. Vom Wachstum der
Linde wird gesagt, dass sie 300 Jahre komme, 300 Jahre stehe und 300 Jahre vergehe.
Die junge Rinde ist glatt, graugrün und mit hellgrauen und senkrecht gewellten Streifen durchzogen. Dazwischen liegen dunkelbraune Spalten. Bei alten Bäumen finden wir eine grobe, rissige und dunkelbraune Borke mit rhombenartiger Zeichnung.
Im Mai oder Juni beginnen die
Linden zu blühen. Die Blüten sind zu 3–6 in einer gestielten Trugdolde vereinigt. Der Stiel dieses Blütenstandes ist bis zur Hälfte mit einem häutigen und flügelartigen Hochblatt verwachsen. Es dient später dem Fruchtstand als Flugorgan. Die 5 Kelchblätter sind eiförmig, gelblichweiß und 3–4 mm lang; die 5 Kronenblätter länglich, 5–8 mm lang und ebenfalls gelblichweiß. Ein stark behaarter und oberständiger Fruchtknoten wird von 30–40 Staubblättern umgeben.
Aus dem grünen Fruchtknoten entwickelt sich eine kugelige, 4–5rippige, harte, verholzte und samtig behaarte Nuss. Sie fällt im Herbst und Winter ab und bildet für kleine Nagetiere eine willkommene Zwischenverpflegung.
Vorkommen, VerbreitungDie Horizontalverbreitung von
Winter– und
Sommerlinden umfasst den größten Teil von West–, Mittel– und Osteuropa, wobei die
Sommerlinde im Westen und Süden über die Winterlinde hinausreicht. Im Norden und vor allem im Osten bleibt sie jedoch weit hinter dieser zurück. In der vertikalen Verbreitung gibt es zwischen beiden Arten keine wesentlichen Unterschiede, obwohl die
Sommerlinde mehr als Baum der kollinen und submontanen Stufe gilt. Schwerpunkte des Lindenvorkommens finden sich im Baltikum und in Ostpreußen, weitere an der nordwestdeutschen Tieflandschwelle (Umgebung von Gifhorn in Niedersachsen) im Niederrheingebiet westlich von Köln sowie im Vogelsberg und Pfälzer Wald. Auch auf den nährstoffreichen, trockenen Standorten des Göttinger Waldes finden sich zahlreiche
Linden, wobei die
Sommerlinde bevorzugt die warm–trockenen, felsigen Oberhänge, die Winterlinde eher die etwas feuchteren, meso– oder eutrophen Standorte an Unterhängen besiedelt.
Verwendung, ökologischer NutzenLindenholz weist einen ziemlich breiten Splint auf. Es kann weißlich, gelblich, oft auch leicht bräunlich oder rötlich sein. Vom grünen zum lufttrockenen Zustand (Raumgewicht 450–550 kg/m³) schwindet es mäßig bis stark. Einmal getrocknet, lässt es sich leicht und in allen Richtungen sauber bearbeiten. Da der Eiweißgehalt sehr groß ist, wird das Holz sehr oft vom Holzwurm befallen. Das Lindenholz ist zäh, fest, biegsam, aber wenig elastisch und im Längsschnitt fein nadelrissig. Im Witterungswechsel und unter Wassereinfluss ist die Dauerhaftigkeit sehr gering. Daher eignet es sich für den Außenbau nur schlecht. Dank seiner Weichheit eignet es sich sehr gut für die Herstellung von Reißbrettern, Spielwaren, Kästchen, Gefäßen und von Truhen. Auch liefert es eine gute Holzwolle, ein vorzügliches Furnier und eine hochwertige Filter– und Zeichenkohle.
Heilkunde, Mythologie und BrauchtumLindenblüten sind als Flores Tilae offiziell, d. h. als Heilmittel anerkannt. Sie enthalten viel Schleim, Zucker, Wachs, Gerbstoffe und Spuren eines ätherischen Öls, welches das würzig riechende Farnesol enthält. Bereits in den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts wurde der Lindenblütentee als schweißtreibendes und fiebersenkendes Heilmittel bei Erkältungen und Grippe beschrieben.
Den Germanen war die
Linde der Liebesgöttin Frigga oder Freya heilig. Diese Gottheit war Sinnbild der Fruchtbarkeit, Güte, Mütterlichkeit, Herzlichkeit und des immerwährenden Lebens. Unter
Linden fand bei den Germanen das Thing statt. Die auf Hügeln angepflanzten und daher weit sichtbaren Bäume galten als Freiheitsbäume. Wer ihr schützendes Dach erreichte, durfte nicht mehr ergriffen und gerichtet werden.
Sehr oft wurde die
Linde in der Mitte des Dorfes als Baum der Rast und der Besinnung gepflanzt.
Auch vor Klöstern und an Wallfahrtsorten standen fast im ganzen deutschen Sprachgebiet
Linden.
Aus einer älteren Statistik geht hervor, dass es in Deutschland über 850 Ortsnamen gibt, in welchen das Wort
Linde vorkommt. Ungezählt sind die Gasthäuser Zur Linde, wo dieser wunderschöne Baum im Garten seinen Schatten spendet und den Gast zum Verweilen einlädt.
Quellen: Alfred Dengler Waldbau auf ökologischer Grundlage. 6. Auflage, in 2 Bänden vollständig neubearbeitet von E. Röhrig u. H. A. Gussone.
I. Band: Der Wald als Vegetationstyp und seine Bedeutung für den Menschen. 1992. Hamburg und Berlin.
Jean–Denis Godet Bäume und Sträucher, 1996. Arboris–Verlag, Hinterkappelen, Bern.
Text und Bild: Kuratorium Baum des Jahres
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