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Rosskastanie
Foto: Kuratorium Baum des Jahres
Rosskastanie
Aesculus hippocastanum
  (Linnaeus, 1753)

Die Rosskastanie   Aesculus hippocastanum (Linnaeus, 1753) ...
... ist Baum des Jahres 2005

Die Rosskastanie – strahlend im Frühling – Stress im Sommer

Im Jahr 2005 steht eine der schönsten, bekanntesten und beliebtesten Stadt– und Alleebaumarten im Mittelpunkt: die Gemeine Rosskastanie, Aesculus hippocastanum L. Selbst Kinder kennen diese Baumart schon, und lieben sie. Ebenso wie Erwachsene, denn sie macht uns viermal im Jahr Freude: im Winter mit ihren großen Knospen, im April beim Erscheinen der großen gefingerten Blätter, im Wonnemonat Mai mit ihrem orchideenhaften Blütenmeer und im Herbst mit den großen glänzenden Samen. Aber sie kämpft derzeit mit einem Schädling, der ihre Kronen schon im Juli in Herbst verwandeln kann. Und es gibt viel Interessantes von ihr zu berichten.
Kastanie – fast jeder kennt sie also, die Kinder spielen mit den braunen Früchten, die besonders schön glänzen, wenn sie frisch aus der stacheligen Schale platzen und auf dem Weihnachtsmarkt kann man sie geröstet als „heiße Maroni“ kaufen – kann man nicht!! Wieso nicht? Rosskastanie sagt doch, dass die Früchte für Pferde gut sind. So berichtet 1557 ein kaiserlicher Arzt aus Konstantinopel seinem Kollegen nach Prag: „Häufig kommt hier eine Art Kastanie vor, die das Wort Ross als Beinahmen hat, weil sie erkrankten Pferden, besonders bei Husten und Wurmerkrankungen, Erleichterung verschafft.“ Also: was sind denn nun heiße Maronen? Rosskastanien – oder doch nicht? Der Professor der Forstbotanik, Dr A. Roloff, der den Text des Informationsfaltblatts des Kuratoriums Baum des Jahres verfasst hat, löst das Rätsel:

Woran erkennt man eine Rosskastanie – was ist für sie charakteristisch?
Die Rosskastanie ist (Vorsicht!) nicht mit der Ess– oder Edel–Kastanie zu verwechseln, selbst wenn die Früchte auf den ersten Blick ähnlich aussehen. Die Blätter und Blüten aber nicht! Die Rosskastanie ist dagegen mit dem Ahorn (Baum des Jahres 1995) so nahe verwandt, dass Botaniker sie nach neuesten Erkenntnissen gemeinsam mit diesem in eine botanische Familie stellen: die Seifenbaumgewächse.
Bei der rotblühenden Rosskastanie, die in kleinen Gärten und in Fußgängerzonen der Städte sehr beliebt geworden ist, handelt es sich übrigens um eine Kreuzung zwischen der Gemeinen Rosskastanie und der nordamerikanischen Pavie.

Ökologie und Vorkommen
Die Heimat der Rosskastanie ist mit zerstreuten Vorkommen in den Mittelgebirgen Griechenlands, Albaniens und Mazedoniens zu finden. Dorthin hat sie sich während der Eiszeiten zurückgezogen. Vorher war sie auch bei uns heimisch, hat aber die Rückwanderung nach den Eiszeiten bis hierher dann von selbst nicht mehr geschafft. (Das war genauso bei Esskastanie und Walnuss (Baum des Jahres 2008).) Erst der Mensch hat sie wieder nach Mitteleuropa gebracht, nämlich im Jahre 1576 zunächst nach Wien. Die Türken verbreiteten sie während ihrer Eroberungsfeldzüge quer durch Europa, denn sie hatten Kastanien als Futter für ihre Pferde mit dabei.

Die Baumart zeigt heute, dass sie hier dauerhaft wachsen und regelmäßig reife Früchte produzieren kann – sie ist also ein „Spätheimkehrer“ und hier ohne Probleme lebensfähig und winterhart. Inzwischen kommt sie bei uns sogar bis in Höhenlagen von über 1.000 m vor und wächst auch in Skandinavien.

Nutzung, Verwendung und Heilkunde
Holz – Das Holz ohne einen auffälligen Farbkern ist fast bedeutungslos, vor allem wegen ungünstiger Verarbeitungseigenschaften und des häufigen Drehwuchses, der viele Verwendungen erschwert oder unmöglich macht. Sie möchten ja auch nicht miterleben, wie sich Ihr Bücherregal mit den Büchern darauf verdreht, oder? Für Möbel, Schnitzarbeiten, Obstkisten, orthopädische Geräte und im Spielzeugbau findet es gelegentlich Verwendung.
Früchte – Viel bedeutungsvoller als das Holz sind bei der Nutzung von Bestandteilen dieser Baumart die Früchte: wegen ihres hohen Stärkegehaltes (ähnlich der Kartoffel) als Vieh– und Wildfutter und in Notzeiten zur Mehlherstellung und als Kaffeeersatz. Für kosmetische Produkte, Farben und Schäume, zur Herstellung von Medikamenten. In der Naturheilkunde verwendet man Inhaltsstoffe von Rinde, Blättern, Blüten und Früchten. Kaum eine andere Baumart hat in dieser Hinsicht so viel zu bieten wie die Rosskastanie! Bei der heutigen Bewegungsarmut hat ihre die Durchblutung fördernde Wirkung bei Venenleiden die größte Bedeutung. Was man schnell nachvollziehen kann, wenn man Rosskastanien–Zusätze ins Badewasser tut (das Selbst–Herstellen ist etwas kompliziert, denn für eine Wanne braucht man einen halben Eimer Früchte!). Danach kommt es schon mal vor, dass jemand beim Heraussteigen aus der Wanne umfällt, weil der Kreislauf verrückt spielt ...
Knospen – Auch als „Gichtbaum“ ist sie unter Naturheilkundlern bekannt, und Gletschersalben gegen Sonnenbrand enthalten meist Extrakte aus ihren Knospen. Chestnut Bud heißt die Essenz aus Rosskastanien–Knospen in der Bachblütentherapie – sie ist ein Heilmittel für Menschen, die sich schwer damit tun, aus eigenen Fehlern zu lernen ... Von diesen unbelehrbaren Zeitgenossen gibt es ja leider eine ganze Reihe.
Blätter – Rezepte für Kastanienblätter–, –blüten– und –rindentee, Kastanienblütenessenz, Kastaniengeist, –korn, –extrakt, –tinktur, –brei und –badezusätze kann man (gegen eine Spende von je 5 Euro auf das Konto Baum des Jahres) vom Kuratorium zugesandt bekommen. Auch zur Schnupftabak– und Seifenpulverherstellung sind die Früchte geeignet.
Kastanien sammeln – Unsere Kinder sammeln seit Jahrhunderten im Herbst Kastanien, um daraus Streichholzmännchen zu basteln oder mit Kastanien – „Pfeifen“ oder –Ketten Erwachsene nachzuahmen. So ist das Herunterholen der Früchte aus den Kronen mit Knüppeln und Steinen seit langem der Lieblingssport der 9jährigen im September geworden (ich selbst gehörte auch dazu ...), weshalb sich jedes Jahr zu dieser Zeit die für Grünanlagen Verantwortlichen die Haare raufen.
Schattenspender – Und noch wichtiger war bisher die Schattenwirkung der Rosskastanie in Biergärten – solange sie ihre Blätter bis zum Herbst behält. In Ländern und Bundesländern mit hohem Bierkonsum und dementsprechend vielen Biergärten hat man aber derzeit ein großes Problem, wenn die Blätter wegen der Miniermotte bereits im August und September abfallen.

Mythologie und Brauchtum
Rosskastanie – Synonyme:
Foppkastanie – Gemeine Rosskastanie – Judenkest – Pferdekastanie – Saukastanie – Vixirinde – Weiße Rosskastanie – Wilde Kastanie – Wildi Kestene

Sonstiges Wissenswertes
Ein alter Aberglaube besagt: es soll genügen, immer drei Kastanien in der Tasche bei sich zu tragen, um vor rheumatischen Krankheiten und Gicht geschützt zu sein. Na ja – schaden kann's ja jedenfalls nicht ...

Und: Männer aufgepasst! Schon die alten Griechen wussten, dass das Einreiben des kostbarsten Stückes mit einer Weinbrand–Essenz aus Kastanienblüten die Manneskraft stärkt. (Frauen! schenkt ihm doch ein paar Blüten, eine Flasche Weinbrand und dieses Faltblatt !!)

Der Name Ross– oder Pferdekastanie geht auf ihre früher weithin bekannte Heilwirkung der Samen bei kranken Pferden zurück. Oder soll er deutlich machen, dass die Samen nur für Pferde und eben nicht für Menschen genießbar sind?

Als Kastagnetten (im Spanischen Verkleinerungsform von Kastanie) werden kleine Rhythmusinstrumente aus zwei ausgehöhlten, an Kastanienschalen erinnernden Hartholzschälchen bezeichnet, die man gegeneinander schlägt. Vor allem beim spanischen Flamenco sind sie regelmäßig zu hören.

Gedicht über die Kastanie
Die Besonderheit von alten Rosskastanien bringt HERMANN HESSE sehr schön in seiner Erzählung „Kastanienbäume“ herüber. Und ihre heutige Situation in der Stadt trifft das folgende Gedicht:
 
Rosskastanie
Wie trägt sie bloß
ihr hartes Los
in Straßenhitze und Gestank.
Und niemals Urlaub, keinen Dank!
Bedenke, Gott prüft sie nicht nur,
er gab ihr auch die Rossnatur.
(Aus „Heiteres Herbarium“ von K.H. WAGGERL)
 
Noch eins zum Schluss: immer wieder hört und liest man bis in die jüngste Zeit, dass bei der Rosskastanie (wie auch bei anderen Baumarten) eine direkte Beziehung zwischen einem Wurzelstrang und dem darüber befindlichen Ast in der Krone besteht. Wenn also ein Ast in der Krone abstirbt, so muss die darunter befindliche Wurzel geschädigt worden sein. Dies ist so nicht richtig. Erstens gibt es eine solche Beziehung bei älteren Bäumen grundsätzlich nicht (das wäre baumbiologisch auch viel zu riskant), und zweitens selbst wenn es sie gäbe: aufgrund des verbreiteten Drehwuchses bei Rosskastanien würde dann eher ein Ast auf der anderen Kronenseite absterben, aber eben gerade nicht der genau darüber befindliche.
Die Rosskastanie benötigt derzeit dringend Optimismus und verstärkte Forschungsanstrengungen, um ihre Probleme in der Stadt und durch die Miniermotte zu verringern.

Verfasser des Textes: Prof. Dr. Andreas Roloff, TU Dresden / Tharandt
Stellvertretender Vorsitzender des KBJ

Text und Bild: Kuratorium Baum des Jahres
 
 
Anmerkung: Die Rosskastanie ist auch Arzneipflanze des Jahres 2008
 
2004     Baum     2006

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Seite aktualisiert  13.10.2008