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Viehweide
Foto: NZH
Viehweide
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Die Viehweide ...
... ist Biotop des Jahres 2004–2005

Vom Feuchtgrünland bis zum Trockenrasen, von Heiden bis Hutewald reicht die Palette der beweideten Lebensräume, die mit ihrem Struktur– und Artenreichtum ein Paradebeispiel für biologische Vielfalt darstellen. Zahlreiche Tier– und Pflanzenarten – von Mikroorganismen bis zu Blütenpflanzen und Wirbeltieren – kommen nur hier vor oder haben hier ihren Verbreitungsschwerpunkt. Dazu gehören auch Arten, die etwa Hutebäume bewohnen. Und nicht zu vergessen ist die genetische Vielfalt bei den Weidetieren (alte Haustierrassen) oder z. B. bei Obstbäumen (alte Kultursorten).
Viehweiden sind ein Zivilisationsprodukt, ein Lebensraum, der geprägt wird von der Nutzung durch den Menschen und seine Haustiere. Viele Entwicklungen haben dazu geführt, dass der naturschutzkonformen Weidewirtschaft wieder mehr Augenmerk geschenkt werden sollte: Verbrachung von Grünland auf der einen und Nutzungsintensivierung auf der anderen Seite, „Höfe– und Bauernsterben“ sowie mangelndes Vertrauen der Verbraucher in die konventionelle Landwirtschaft. Das Thema ist facettenreich, beinhaltet es doch sowohl ökologische als auch sozioökonomische Aspekte. Mit der Wahl der Viehweide zum Biotop des Jahres 2004/2005 soll auf die Gefährdung dieses Lebensraumes und seiner einzigartigen Tier– und Pflanzenwelt durch zu intensive oder fehlende Nutzung aufmerksam gemacht werden.
Das Biotop des Jahres wird seit 1988 in einer bundesweiten Initiative vom Naturschutz–Zentrum Hessen verkündet, um bedrohte Tier– und Pflanzenarten mit ihren jeweiligen Lebensräumen in breiten Bevölkerungskreisen bekannt zu machen und für ihren Schutz zu werben. Vorgänger der Viehweide waren u. a. die Quelle Biotop des Jahres 1992, der Bach Biotop des Jahres 1996/97 und die Obstwiese Biotop des jahres 1998/99.

Details:
1. Erhaltung bzw. Wiederherstellung von artenreichem Grünland
Während manche Grünlandflächen immer intensiver bewirtschaftet werden (Düngung, Herbizideinsatz, Erhöhung der Schnitthäufigkeit), werden andere stillgelegt, verbrachen, verbuschen und werden schließlich zu Wald. Die Polarisierung in der Grünlandnutzung ist zu einem großen Naturschutzproblem geworden. In der Regel werden zuerst die mageren, nicht lohnenden oder schwer zu bewirtschaftenden Flächen aufgegeben, die aber gerade für den Naturschutz besonders interessant sind. Ein hoher Prozentsatz aller bei uns heute gefährdeten Tier– und Pflanzenarten leb(t)en auf solchen Flächen. Die Verbuschung zerstört ihre Lebensgrundlagen. Dies bezieht sich im übrigen nicht nur auf Halbtrockenrasen, Wacholderheiden oder Borstgrasrasen. Auch die ehemals überall vorherrschenden, durch Mahd (und Nachweide) oder Beweidung entstandenen Frischwiesen und –weiden gehören mittlerweile – zumindest in ihren mageren Ausprägungen – aufgrund dramatischer Bestandsrückgänge zu den bedrohten Lebensräumen.
Eine öffentlich finanzierte Offenhaltung dieser ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen in Form einer Pflegemahd mit anschließender Kompostierung des anfallenden Grünschnittes ist weder ökologisch sinnvoll noch finanzierbar in Zeiten leerer Kassen. Eine kostengünstige und in den landwirtschaftlichen Betriebsablauf passende Methode zur Offenhaltung der Landschaft bzw. zur Erhaltung artenreichen Grünlandes ist die Beweidung, insbesondere mit Schafen und Rindern. Dazu eignen sich speziell alte, bodenständige Rassen.

2. Weidetiere in artgerechter Haltung
Durch den Einsatz von nicht artgemäßen Futtermitteln (Verfüttern von Tiermehl an Wiederkäuer), durch die teilweise illegale Verwendung von Medikamenten (Antibiotika in der Schweinemast, Hormone in der Kälbermast) zur Steigerung von Leistungsparametern in der Tierhaltung und durch das kriminelle Beimischen von Abfällen in das Futter (Klärschlämme, Altöle usw.) zur Erzielung höherer Gewinne durch die Industrie ist die Tierhaltung stark in die Schlagzeilen geraten.
Höfesterben, Massentierhaltungen, Gülleprobleme, Tiertransporte quer durch Europa usw. sind weitere Folgen einer auf einseitiges Wachstum setzenden Agrarpolitik, die nur noch Großbetrieben eine Überlebenschance bietet. Der Verbraucher ist nicht nur beunruhigt, sondern auch gesundheitlich gefährdet.
Bisher galt die Schafhaltung als die extensivste Nutzungsform bei der Grünlandbewirtschaftung. Ganzjährige Stallhaltung, wie bei den anderen Tierarten, ist kaum bekannt. Gebräuchlich sind die Wanderschäferei (heute nur noch 10 %), die standortgebundene Hütehaltung (40 %) und die Koppelhaltung (40 % mit steigender Tendenz). Da Schafe recht genügsam sind, können auch noch Grenzertragsstandorte durch sie genutzt werden. Doch auch sie sind inzwischen in die Schlagzeilen geraten durch Scrapie (im Gefolge von BSE) und MKS.
Moderne Milchkühe und Mastbullen müssen in kürzester Zeit hohe Leistungen erbringen, die nur durch entsprechende Zugaben von Kraftfutter möglich sind, das nicht mehr aus dem Grünland gewonnen wird, sondern auf dem Acker produziert und z. T. importiert wird. Neben dem Grundfutter (Gras, Heu, Silage) erhalten Hochleistungskühe und Mastbullen deshalb Getreide, Mais, Fette, Mineralien und Vitamine. Da die Fette bisher teilweise aus der Tierkörperverwertung stammten, sieht man in ihnen einen Träger der BSE. Sie sind deshalb seit Januar 2001 verboten. Nach energiereichen Alternativen wird gesucht.
Alle o. g. Probleme stehen in engem Zusammenhang mit der Massentierhaltung ohne Bestandsobergrenzen und dem Bestreben, die Leistung der Nutztiere immer weiter zu steigern. Eine Alternative könnte die Rückbesinnung auf eine ökologischere Form der Viehwirtschaft sein, die mit weniger Kraftfutter auskommt und eine engere Bindung an das Grünland besitzt. Dazu müssten Rassefragen (z. B. auch alte Nutztierrassen), Haltungsbedingungen (artgerechte Tierhaltung, Weidegang usw.), Tiertransporte u. v. m. neu überdacht werden.

3. Erhaltung einer vielfältigen Kulturlandschaft
Wenn in Naturschutzkreisen von Beweidung gesprochen wird, verhärten sich sehr bald die Fronten. Da sind diejenigen, die um das Überleben von Orchideen und Vögeln bangen und sich strikt gegen jede Form der Beweidung aussprechen, weil sie fürchten, die empfindlichen Pflanzen oder die Gelege würden durch Viehtritt zerstört. Dabei wird höchstens nachgegeben, wenn der Nutzungszeitpunkt möglichst spät liegt, frühestens nach dem 15. Juni. Hierbei wird gerne übersehen, dass oft gerade die Nutzung durch Beweidung ursprünglich für das Zustandekommen der Artengemeinschaft gesorgt hat. Das andere Extrem vertreten solche Personen, die am liebsten alles und zu jeder Zeit beweiden würden und dafür auf alle weiteren Formen der Grünlandnutzung verzichten könnten. Dann gibt es die Fraktionen derjenigen, die nur auf großflächige Beweidungssysteme bis hin zur „neuen Wildnis“ mit dedomestizierten Haustieren setzen. Ihnen stehen die Verfechter einer historisch gewachsenen, kleinstrukturierten Kulturlandschaft mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft gegenüber. Schließlich entbrennt auch immer wieder Streit darüber, ob die Beweidung „intensiver“ und „extensiver“ durchgeführt werden soll.
Spätestens hier stellen sich die Fragen: Gibt es nur ein „Pro“ oder „Contra“ Beweidung, liegt die Lösung nicht in der Nutzungsvielfalt? Sind kleinparzellige Nutzung und großflächige Weidesysteme wirklich ein Widerspruch, können nicht beide je nach Anforderung die Lösung der Wahl sein? Bezieht sich „extensive Beweidung“ nicht nur auf die Reduzierung von Düngemitteln auf den Weideflächen und sollte die eigentliche Beweidung (z. B. Zahl der Beweidungsdurchgänge) nicht sogar „intensiver“ erfolgen?
Soll eine vielfältige Kulturlandschaft mit einer Vielzahl an Lebensräumen, Lebensgemeinschaften und Arten erhalten werden, muss auch Platz für eine Nutzungsvielfalt sein. Vereinheitlichung der Nutzung zieht auch eine Uniformierung der Landschaft nach sich. Verschiedene Formen der Beweidung sollten neben der Mahd existieren können.

Bild und Text: ViSdP / Gerd Bauschmann, Naturschutz–Zentrum Hessen Tel. (0 64 41) 9 24 80-21
 
 
 
2003     Biotop     2005

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Seite aktualisiert  23.22.2007