VSK-Logo
Sie befinden sich: Hauptseite / Natur des Jahres / Orchidee / Herbst–Drehähre
 
Herbst–Drehähre
Foto: AHO
Herbst–Drehähre
Spiranthes spiralis
  ((Linnaeus) Chevall., 1827)

Die Herbst–Drehähre   Spiranthes spiralis ((Linnaeus) Chevall., 1827) ...
... ist Orchidee des Jahres 2001

Herbst–Wendelorchis, Herbst–Drehähre, Schraubenstendel

Seit dem Jahre 1989 stellen die „Arbeitskreise Heimische Orchideen“ (AHO) Deutschlands der Öffentlichkeit eine „Orchidee des Jahres“ vor. Sie lassen sich dabei von dem Wunsch leiten, mit der Darstellung von Aussehen und Lebensweise heimischer Orchideenarten und deren Gefährdung aus der Sicht der AHO einen Beitrag zu den Problemen des Florenschutzes leisten zu wollen und die Bürger unseres Landes zu eigenen Aktivitäten anzuregen.

Orchideen gelten allgemein als auffällige und attraktive Pflanzen. Dies trifft auf die für das Jahr 2001 auserwählte heimische Art nicht zu. Die Herbst–Drehähre ist eine kleinwüchsige, unscheinbare Pflanze; nur bei genauer Betrachtung der Einzelheiten der Blüten ist ihre Zugehörigkeit zur Familie der Orchideen zu erkennen. Die Einzelpflanze erreicht meist nur eine Höhe von 10 – 15 cm und bleibt häufig unter diesem Maß. Der Blütenstand erscheint im Spätsommer etwa ab Mitte August, gebietsweise erscheinen erste Blüten bereits Ende Juli. Die Blütezeit erstreckt sich bis zum Oktoberbeginn. Die innen weißen, außen oft grünlich schimmernden kleinen Blüten stehen in dichter Ähre um den drüsig behaarten und in der Regel spiralig gedrehten Stängel, was der Pflanze sowohl ihre deutschen Namen als auch ihre wissenschaftliche Bezeichnung verlieh (griechisch : speira = Windung, anthos = Blüte). Zuweilen kann die Drehung der Ähre auch ausbleiben, der Blütenstand erscheint dann einseitswendig. Die Einzelblüten sind kaum größer als 7 – 8 mm. Deckblätter, Fruchtknoten sowie das Perigon sind ebenfalls drüsig behaart und bieten den bestäubenden Bienen– und Hummelarten einen sicheren Halt an den nach Vanille oder Cumarin duftenden Blüten. Der Befruchtungsvorgang verläuft bei der Herbst–Drehähre in eigener, quasi zweiphasiger Weise. Der Bereits von DARWIN untersuchte, äußerst sinnvoll erscheinende Vorgang besteht darin, dass beim Eindringen eines Insekts in die Blüte sich ähnlich wie bei anderen Orchideenarten auch zunächst die Klebscheiben der in den Antherenfächern ruhenden Pollenpakete lösen und am Insekt haften. Durch einen besonderen Bau des die Narbe und die Anthere tragenden Säulchens wird aber vorerst ein weiteres Eindringen in die Blüte verhindert. Erst nach einigen Tagen ist die Narbe für die Befruchtung reif. Das Säulchen gibt den Weg in das Blüteninnere frei, ein pollentragendes Insekt kann die Befruchtung vollziehen. Auf diese Weise ist eine Selbstbefruchtung innerhalb der Art ausgeschlossen. Die Samenreife erfolgt rasch. Die staubfeinen Samen werden durch die spätherbstlichen Niederschläge in den Boden eingewaschen, wo sie bis zur blühfähigen Pflanze eine langjährige, von einem Symbiosepilz abhängige Entwicklungszeit durchlaufen, deren Stadien bereits vor 150 Jahren von IRMISCH überzeugend dargestellt wurden.

Etwa zur gleichen Zeit mit dem Blütenstand erscheint seitlich der Stängelbasis eine kleine Blattrosette, die über Winter bis zum Frühsommer Nährstoffe in eine rübenförmige Knolle für die nächste Blüte einlagert, um bereits vor Austrieb der Jahresblüte zu vergehen. Die Drehähre kann sich unter günstigen Wachstumsbedingungen auch vegetativ durch Ausbildung mehrerer Wurzelrüben vermehren, weshalb die Pflanze auf individuenreichen Standorten gesellig in Gruppen wachsend angetroffen wird.

Mit einem dem jährlichen mediterranen Witterungsverlauf angeglichenen Vegetationsrhythmus kann sich die Art hervorragend in extensiv beweidete Standorte einfügen. Sie gedeiht daher vorwiegend auf halb– oder wechseltrockenen Schaftriften und Magerrasen, seltener auf schwachwüchsigen, feuchten Mähwiesen. Die Bodenansprüche sind weniger spezialisiert. Lehmige und lehmig–sandige Böden scheinen bevorzugt zu sein, aber auch torfige Böden werden gebietsweise angenommen, sofern sie wie die mineralischen mäßig sauer bis neutral reagieren. Allgemein gilt die Art als kalkmeidend und salzunverträglich, scheint aber auf schwach verteilten Schafdung positiv zu reagieren.

Ihre klimatischen Ansprüche entsprechen der temperaten Zone mit ozeanischem Einschlag. Offensichtlich verträgt sie keine trocken–kalte, kontinentale Winter. Die Herbst–Drehähre ist, entsprechende Wuchsplätze vorausgesetzt, vom Mittelmeerraum ausgehend nahezu in ganz Europa heimisch, spart jedoch die nördlichen und kontinental beeinflussten Gebiete sowie höhere Berglagen etwa ab 800 m Höhe aus. Zugleich findet man sie noch in den Randlagen Nordafrikas sowie im westlichen Kleinasien.

In Deutschland war sie vor allem in den südlichen und mittleren Landesteilen häufig, im nördlichen Tiefland dagegen stets selten und in den Küstengebieten nie nachgewiesen. Das zierliche Pflänzchen hat mit dem wirtschaftsbedingt starken Rückgang der Schafhaltung bereits im 19. Jahrhundert enorme Standortverluste erlitten, die sich mit zunehmender Intensivierung der Landnutzung im 20. Jahrhundert fortsetzten. Die betreffenden Flächen wurden einer Nutzungsänderung unterzogen. Bodenmäßig bessere Standorte hat man in Intensivweiden oder gar Ackerland gewandelt, weniger ertragversprechende Flächen wurden aufgeforstet oder zumindest aufgelassen, wodurch der konkurrenzschwachen Art in kürzester Zeit Licht, Nahrung und Standraum entzogen wurde. Gemessen an den Messtischblättern Deutschlands, auf denen sie nachgewiesen werden konnte, sind drei Viertel der Vorkommen erloschen; vom ehemaligen Pflanzenbestand dürften jedoch nicht mehr als etwa 5 % existent sein. Für Deutschland ist die Art daher als stark gefährdet eingestuft. In sechs Bundesländern sind die Bestände erloschen, in vier weiteren gilt die Herbst–Drehähre als „vom Aussterben bedroht“, in drei Bundesländern ist sie „stark gefährdet“ und nur in Bayern ist sie als „gefährdet“ geführt.

Es ist deshalb dringend geboten, die wenigen Wuchsplätze, auf denen die kleine Orchidee derzeit noch beobachtet werden kann, vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Als solche sind Änderungen der Nutzungsart oder –zeit, Düngung, meliorative Eingriffe am Standort oder seiner unmittelbaren Nähe als auch ein Ausbleiben der bisherigen Nutzung (Auflassung) voranzustellen. Alle Standorteingriffe, ob landwirtschaftliche Nutzung oder zu planende Pflegemaßnahmen haben sich daran zu orientieren, den Pflanzen während ihrer Vegetationszeit ein Optimum an Licht, Wärme und Bodenreaktion zu gewährleisten. Dem kommt man mittels Aufwuchs–abhängiger Schafbeweidung ab Spätherbst bis zum Frühsommer, auf mageren Mähwiesen unter Beibehaltung der historisch überlieferten Mahdzeiten, evtl. kombiniert mit einer Nachbeweidung im Spätherbst am nächsten, um die Vorkommen auf Dauer zu erhalten.

Von den Orchideen ist bekannt, dass, sofern verschiedene Arten auf einem Standort vereint sind, diese gelegentlich untereinander bastardieren. Von der Herbst–Drehähre sind Kreuzungen mit ihrer nahen Verwandten, der Sommer–Drehähre Spiranthes aestivalis (POIRET) L. C. RICHARD bekannt. Dieser Bastard wurde jedoch bisher in Deutschland nicht nachgewiesen.

Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland
G. HAMEL, AHO Brandenburg
 
 
 
2000     Orchidee     2002

Bitte beachten Sie die Rechte der Fotografen. Setzen Sie sich bitte mit der obigen Institution in Verbindung. Danke!
 
 
Sie befinden sich: Hauptseite / Natur des Jahres / Orchidee / Herbst–Drehähre
 
Google
Zum Seitenanfang
Copyright by Vogelschutzverein Kefenrod e.V. / Disclaimer
Seite aktualisiert  23.01.2006