Zierliche Tellerschnecke Foto: Arbeitskreis Molusken NRW
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Zierliche Tellerschnecke
Anisus vorticulus
(Troschel, 1834)
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Die Zierliche Tellerschnecke Anisus vorticulus (Troschel, 1834) ...
... ist Weichtier des Jahres 2011
Seit 2004 gehört diese kleine und unauffällige Süßwasserschnecke zu den europaweit geschützten Arten. Im Rahmen der Erweiterung der EU wurde sie in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie aufgenommen. Weil sie daher intensiv erforscht und ihre Lebensräume europaweit geschützt werden müssen, die Art in der Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt ist, wurde sie als Weichtier des Jahres ausgewählt.
Anisus vorticulus gehört zur Familie der Tellerschnecken (Planorbidae), von der in Deutschland aktuell 24 Arten vorkommen. Fünf dieser Arten gehören zur Gattung Anisus. Die seltene Zierliche Tellerschnecke ist dabei allerdings nur mit der häufigen und weit verbreiteten Scharfrandigen Tellerschnecke Anisus vortex zu verwechseln. Diese unterscheidet sich durch eine scharfkantige, meist randliche Schulter des Umganges, während Anisus vorticulus eine mittig auf dem Umgang ausgebildete stumpfe Schulterkante aufweist. Diese Schulter ist oft durch einen schwachen Hautsaum verstärkt, der aus der organischen Schalenhaut (dem so genannten Periostrakum) gebildet wird. Dieses besteht aus dem hornähnlichen Conchiolin, der Rest des Gehäuses aus Kalk.
Das Gehäuse der Zierlichen Tellerschnecke ist meist 4-5 mm breit (sehr selten bis 8 mm) und 0,5-0,8 mm hoch. Weil die 5-6 Umgänge flach in einer Ebene aufgewunden sind, ist die Drehrichtung auf den ersten Blick nicht erkennbar. Erst die Anatomie der Tellerschnecken zeigt, dass ihre Gehäuse linksgewunden sind. Die Umgänge sind durch eine tiefe Naht getrennt, sie wachsen sehr regelmäßig und werden ganz allmählich größer.
Beim kriechenden Tier ist die funktionelle Oberseite des Gehäuses mehr oder weniger flach, die Unterseite etwas konkav. Die Farbe des Gehäuses ist hell bräunlich oder gelblich, die glatte und mikroskopisch fein spiralgestreifte Gehäuseoberfläche ist allerdings oft mit charakteristischen Verkrustungen (meist aus Eisenverbindungen) bedeckt.
Der Tierkörper ist meist dunkel- bis hellgrau gefärbt, die lebenden Tiere wirken dunkler als Anisus vortex. Das rote, hämoglobinhaltige Blut der Tellerschnecken scheint weniger auffällig durch die Haut als bei manchen anderen Vertretern der Familie.
Der Kriechfuß der Tellerschnecken ist im Verhältnis zum Gehäuse sehr klein, dennoch kann das Tier damit geschickt zwischen den Stängeln und Blättern von Wasserpflanzen herumkriechen oder an der Wasseroberfläche flottieren. Die beiden Fühler sind wie bei den anderen Tellerschnecken fadenförmig, die Augen sitzen – wie bei allen basommatophoren Schnecken – zwischen ihnen an der Fühlerbasis.
Anisus vorticulus ist vermutlich ein Nahrungsspezialist. Die Art frisst offenbar mikroskopisch kleine Algen, die als Aufwuchs auf lebenden oder toten Pflanzen oder anderen organischen Materialien leben.
Zierliche Tellerschnecken sind Zwitter. Meist findet eine gegenseitige Befruchtung statt, es ist aber auch Selbstbefruchtung möglich. Paarungen wurden bei Tieren mit mindestens 2,5 mm Gehäusedurchmesser beobachtet, was bedeutet, dass die Tiere deutlich vor Erreichen ihrer Maximalgröße geschlechtsreif werden.
Die Lebensdauer der Tiere beträgt etwa eineinhalb Jahre. Sie legen im Frühling und Sommer mehrmals Eier ab, jeweils in einer eineinhalb Millimeter großen ovalen Eikapsel, die meist 4-5 (auch bis 10) gut einen halben Millimeter große Eier enthält. Im Ei entwickelt sich das Tier bis zur fertigen kleinen Jungschnecke mit Gehäuse. Nach dem Schlüpfen wächst das Tier schnell und erreicht innerhalb von ungefähr drei Monaten 4 mm Größe. Die im Frühling geschlüpften Jungtiere können also schon im Sommer selbst Eier legen und die überwinterten Erwachsenen pflanzen sich im nächsten Jahr ebenfalls noch fort. Eiablage und Entwicklung sind temperaturabhängig. In sehr warmen Jahren wurde nachgewiesen, dass sich die Tiere offensichtlich noch im November fortpflanzten. Es wurde allerdings auch beobachtet, dass sich nicht alle abgelegten Eikapseln entwickeln. Außer über die Entwicklungsbiologie der Art ist noch nicht viel bekannt, ebenso bleibt es trotz verschiedener aktueller Untersuchungen und einer genaueren Kenntnis der besiedelten Biotope schwierig, die entscheidenden Bedingungen für das Vorkommen von Anisus vorticulus allgemein zu benennen.
Die natürlichen Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke sind wahrscheinlich Flussauen und Seen. Hier besiedelt sie mehr oder weniger vom Hauptstrom abgetrennte, klare, wasserpflanzenreiche Altwässer, strömungsberuhigte Zonen bzw. in Seen den Röhrichtgürtel oder Verlandungsbereiche. Historisch kannte man auch Vorkommen in größerer Wassertiefe in unterseeischen Wiesen. Diese Populationen gibt es möglicherweise heute nicht mehr, weil die Biotope durch Eutrophierung gefährdet sind. Nasse Kalkflachmoore sind in Nordostdeutschland ebenfalls Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke. In der jetzigen Kulturlandschaft findet die Art in Gräben und selten auch in künstlich geschaffenen Stillgewässern wie aufgelassenen Torfstichen oder Tongruben Ersatzbiotope, wenn sich diese über lange Zeiträume naturnah entwickelt haben und somit den hohen Lebensraumansprüchen der Zierlichen Tellerschnecke genügen. Die höchsten Populationsdichten mit mehr als 1.000 Tieren pro Quadratmeter findet man in sonnendurchfluteten, pflanzenreichen Flachwasserbereichen, die allerdings nicht zu nährstoffreich sein dürfen. Die Tiere bevorzugen dabei die Zonen in Oberflächennähe und leben in der Vegetation. Bezüglich der Wasserführung ist die Art sehr tolerant, erträgt aber kein längeres völliges Austrocknen und keine Versalzung oder Brackwasser im Küstenbereich.
Die unter Artenschutz stehende Zierliche Tellerschnecke kommt von England bis Westsibirien vor. In Deutschland ist sie als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft und hat ihre Verbreitungsschwerpunkte in den wenigen verbliebenen naturnahen Bereichen der Auengebiete von Elbe, Rhein und Donau sowie in den norddeutschen Seen und Sumpfgebieten. Sie tritt oft in charakteristischer Gemeinschaft mit weiteren seltenen und bedrohten Weichtierarten wie der Schönen Zwergdeckelschnecke Marstoniopsis scholtzi, dem Flachen Posthörnchen Gyraulus riparius oder der Flachen Erbsenmuschel Pisidium pseudosphaerium auf. In ihren Lebensräumen wurde sogar mehrfach die Mantelschnecke Myxas glutinosa gefunden. Aufgrund der komplexen Ansprüche der Zierlichen Tellerschnecke ist die möglichst ungestörte und naturnahe Erhaltung ihre Habitate die beste Schutzstrategie, von der gleichzeitig die gesamte Begleitfauna profitiert.
Andere Arten der Tellerschnecken bis hin zur 4 cm großen Posthornschnecke Planorbarius corneus sind teilweise häufig und leben in den verschiedensten stehenden und langsam fließenden Binnengewässern. Sie bieten auch im heimischen Aquarium interessante Beobachtungsmöglichkeiten.
Herausgeber: Kuratorium „Weichtier des Jahres“.
Text und Fotos: Dr. VOLLRATH WIESE, IRA RICHLING, RAINER BRINKMANN & KLAUS GROH
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